Alfred Escher: Der Mann, der einen Tunnel durch die Alpen bauen ließ

Heute ist die Schweiz eines der wohlhabendsten Länder – allerdings bis ins frühe 19. Jahrhundert durch die Alpen vom Rest Europas getrennt. Nur durch den Einsatz des Protestanten Albrecht Escher konnte der Tunnel gebaut und die Industrialisierung in der Schweiz vorangetrieben werden.
Von Vishal Mangalwadi
Die Alpen sind großartig. Aber sie hätten die Schweiz im industrialisierten Europa fast zu einer von Land umschlossenen Insel der Rückständigkeit gemacht. Im frühen 19. Jahrhundert hat ein Händler zwei Wochen gebraucht, um seine Kostbarkeiten über oder um die Alpen vom Süden der Schweiz in den Norden zu transportieren. Deswegen musste sich der durchschnittliche Schweizer seinen Unterhalt entweder als Arbeiter auf einem Bauernhof verdienen oder indem er sein Leben aufs Spiel setze, um die Kriege anderer Menschen auszufechten: allein des Geldes wegen – nicht wegen Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Selbstverteidigung oder Nationalismus.
Katholische Jugendliche als Söldner
Die römisch-katholische Kirche hat ihren Jugendlichen erlaubt, als Söldner zu morden und zu sterben. Die reformierte Jugend konnte dies nicht mehr, weil diese mittelalterliche Praxis des Tötens in ungerechten Kriegen einer der Gründe war, die Zwingli dazu gebracht haben, die Reformation in der Schweiz zu starten. Wer weiß, dass die Bibel Gottes Wort ist, kann nicht töten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Gott hat sein Volk zum Arbeiten angewiesen. Wenn sie auf den familieneignen Höfen nicht gebraucht wurden, sollten sie zur Schule gehen, um den Geist weiterzuentwickeln – und sich Neues vorzustellen und zu erfinden. Diese theologische Einstellung hatte tiefgreifende kulturelle Folgen. 58 Prozent der Industrialisierung in der Schweiz ereigneten sich in reformierten Städten und Kantonen.
Ein Protestant baut einen Tunnel durch die Alpen
Im frühen 19. Jahrhundert wusste jeder, dass die große Erfindung des christlichen Europas, die Eisenbahn, der Schweiz ohne einen Tunnel unter den Alpen nicht nutzen würde. Doch die Schweiz hatte weder Ingenieure noch Geld für ein Projekt dieser Größenordnung. Sein dezentralisiertes politisches System machte es für die Regierung unmöglich, eine Eisenbahnlinie unter den Alpen zu finanzieren. Private Investitionen waren die einzige Option. Aber der durchschnittliche Schweizer war arm. Deswegen musste das Geld von außen kommen. Aber warum würde jemand unzugänglichen Schweizer Banken und Finanzinstituten vertrauen? Vertrauen und Respekt der Geschäftsmänner in den rivalisierenden/konkurrierenden Nationen mussten sich verdient werden. Das waren die Herausforderungen, denen sich Alfred Escher gegenübersah, der die moderne Schweiz maßgeblich geprägt hat. Als christlicher Politiker setzte er sich für die Schweizer Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich ein (auch ETH genannt). Sein Ziel war es, Ingenieure zu auszubilden, die den Tunnel bauen und die Schweiz industrialisieren konnten. Um privates Geld für die Schweizerische Nordostbahn und die Gotthard-Bahn aufzubieten, hat Escher die Bank „Credit Suisse“ und die größte Versicherungsgesellschaft der Schweiz, „Swiss Life“, gegründet. Aus diesem Grund steht heute seine Statue vor dem Zürcher Hauptbahnhof.
Macht das Christentum die Welt besser?
Einige der ETH-Professoren, die mein Buch „Das Buch der Mitte“ gelesen haben, haben mich eingeladen, einen Vortrag zum Thema „Macht das Christentum die Welt besser?“ zu halten. Studenten und Professoren hatten die Möglichkeit, das Thema mit mir zu diskutieren. Das Buch enthält ein Kapitel über die Entstehung des modernen, nachreformatorischen Industriezeitalters, dessen Fundament durch römisch-katholische Mönche gelegt wurde, die durch die Bibel inspiriert wurden.
Protestanten beeinflussen die Schweizer Wirtschaft
Kann „kapitalistische Gier“ die Motive eines Gründers und Wirtschaftsführers wie Alfred Escher erklären? Atheisten haben keine andere Option, als solche Erklärungen heraufzubeschwören. Und doch hat gerade letzte Woche das Schweizer Fernsehen eine Dokumentation über den ökonomischen Einfluss der protestantischen Revolution ausgestrahlt („Gott Arbeit Geld – Wie die Reformation die Wirtschaft spaltete“). http://srgplayer-srf.production.srf.ch/play/tv/dok/video/gott-arbeit-geld—wie-die-reformation-die-wirtschaft-spaltete?id=78c4cf50-1dc3-4fbc-b178-e64746280d4b&station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7
In Minute 39 heißt es in der Dokumentation, universitäre Bildung, Wirtschaft und politische Macht seien in den Händen der Protestanten gewesen. Die Protestanten haben neue Verkehrslinien gebaut. Die einflussreichste Persönlichkeit, Alfred Escher, Gründer des Gotthard-Tunnels, der Credit Swiss und ETH, war Protestant – wie fast alle führenden Personen. 84 % von 100 Leitern waren Protestanten, nur 11 % hatten einen katholischen Hintergrund. Die Alfred Escher Foundation hat alle Briefe Eschers veröffentlicht. Er war ein ernsthafter Protestant, obwohl er nie darüber gesprochen hatte. Atheisten können über die Motive eines Menschen streiten, der kein Pastor ist, aber ein praktizierender Gläubiger. Trotzdem können sie nicht abstreiten, dass Alfred Escher (1819–1882) seiner Bildung viel zu verdanken hatte, die biblisch orientiert war.
Bildung als Aufgabe der Kirche
Vor 1832 war die Bildung in der Schweiz der Kirche untergeordnet, obwohl sich die wohlhabenden Familien private Lehrer für ihre Kinder leisten konnten. Alle ländlichen Schulen wurden von Pastoren geleitet. Sie lehrten dort Religion und Singen. Schreiben war nicht verpflichtend. Mathematik war optional und wurde nach der Schule angeboten. Die Schulen hatten drei Niveaus:
  • Die erste Stufe war Hausunterricht. Die Schüler und Schülerinnen haben sich im Haus des Lehrers getroffen und wurden in Religion, Singen, Lesen und Schreiben unterrichtet.
  • In der deutschsprachigen Schweiz wurde die Mittelschule „Deutsche Schule“ genannt. Sie war nur für Jungen. Sie wurden neben den anderen Fächern auch in Mathematik unterrichtet.
  • Lateinschule war das Gymnasium für Jungen im Altern von 8 bis 16 Jahren. Dort lernten sie neben Religion und Mathematik auch Latein, Griechisch und später Hebräisch, die Sprache des Alten Testaments.
Die Verstaatlichung vom Bildungssystem
1832 hat der Staat das christliche Bildungssystem übernommen. Der Vorstand der staatlichen Schule mussten von allen männlichen Bürgern gewählt werden. Dennoch war der Pastor der Schulleiter.
Bürger, die die Schulleitung wählen wollen, mussten dem örtlichen Kirchenbezirk angehören. Lehrer der staatlichen Schulen waren für Kirchenämter des Kantors und Küsters in der lokalen Kirchenkommune verantwortlich (Musik bei Kirchenveranstaltungen, das Läuten der Kirchenglocken, Vorbereitungen für Feierlichkeiten wie Beerdigungen). Der historische Fakt, den die Historiker gern übersehen wollen, ist, dass zu Eschers Zeit „ein großer Teil der Schulkultur in der Kirchenkultur verankert blieb – auch noch Jahrzehnte nach 1831“.
Kein Soziologe kann einen Charakter wie Alfred Escher verstehen, einen, der die moderne, säkulare industrialisierte Schweiz prägte, ohne die Bibel und die protestantische Reformation zu verstehen.
Die Bibel hat die moderne Welt erschaffen. Die wichtige Frage ist: Kann sie Europa wieder reformieren? Kann die Bibel die nicht-westliche protestantische Christenheit von der Korruption heilen, mit der sie infiziert wurde?
Vishal Mangalwadi ist indischer Philosoph, Buchautor, Politiker und Theologieprofessor. Sein aktuelles Buch „Wahrheit und Wandlung“ ist im Fontis-Verlag erschienen.
Der Autor schreibt in regelmäßigen Abständen auf dem Fontis-Blog.

Foto: (c) Roland zh https://commons.wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

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