Claudia Schmid: Mit den Feuerschreibern unterwegs

Claudia Schmid hat mit „Die Feuerschreiber“ einen historischen Roman geschrieben, der zur Zeit der Reformation spielt – wie auch viele ihrer anderen Texte. Dabei hebt sie besonders Protagonisten hervor, die bisher immer im Schatten von Martin Luther standen. Denn es muss nicht immer um seinen Anschlag der 95 Thesen gehen. Welche Faszination dahintersteckt, verrät Claudia Schmid in Ihrem Blogbeitrag.
Von Claudia Schmid
Bei meinen zahlreichen Lesungen in diesem Jahr werde ich oft gefragt, weshalb meine historischen Texte mit Vorliebe zur Zeit der Reformation angesiedelt sind. Ich wohne nahe der Lutherstadt Heidelberg, im nächsten April jährt sich Luthers „Heidelberger Disputation“ zum 500. Mal. Alle Männer, die damals anwesend waren, nahmen die Funken von Luthers Rede auf und trugen wesentlich zur Verbreitung der Reformation im Südwesten der deutschen Lande bei. Der Funke der Begeisterung war es wohl auch, der auf mich bei meinem ersten Besuch der Prädikanten-Bibliothek in Isny übersprang. In der damaligen Freien Reichsstadt hatte Paul Fagius gewirkt, eben einer jener Männer, der im April 1518 als Student bei der Disputation anwesend war.
Viele Menschen trugen zur Verbreitung der Reformation bei
Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema stellte ich fest, dass es eine ganze Reihe von Menschen gab, die sich unter Einsatz ihres Lebens für die Belange anderer einsetzten. Denn darum ging es den Reformatoren: Für alle etwas zu erneuern und zu erreichen, nicht lediglich für Einzelne. Geschichte ist auch immer die Geschichte um Macht, Gier und Geld. Den Reformatoren ging es jedoch nicht darum, das beeindruckt mich. Sich selbst zu bereichern und Privilegien für sich und ihre Familien auszuhandeln, lag nicht in ihrem Bestreben. So machte sich beispielsweise Philipp Melanchthon nichts aus Geld. Obwohl vom Kurfürsten mit einem guten Gehalt ausgestattet, war er nicht reich, denn er und seine Frau gaben jedem, der an ihre Tür klopfte. Niemand verließ hungrig ihr Haus.
Glaube war im Alltag verankert
Wie Paul Fagius wurde auch Philipp Melanchthon in der Nähe meines Wohnortes geboren. Es war mir ein schriftstellerisches Anliegen, an Menschen zu erinnern, die zur Verbreitung der Reformation beitrugen und die zu Unrecht im Schatten des „Superstars“ Martin Luther stehen, auf dem im Jahr des Reformationsjubiläums alle Scheinwerfer gerichtet sind, trotz aller Schatten, die er in sich trug. Es waren viele, die zur Reformation beigetragen haben. Sie alle gingen unbeirrbar ihren Weg, fühlten sich einzig Gott verpflichtet. Der Glaube war im Alltag der Menschen zurzeit der Renaissance fest verankert.
Bildung für Viele
Philipp Melanchthon reformierte das Bildungswesen. Er setzte sich unermüdlich für die Bildung aller ein und regte maßgeblich Schulbildungen an. Er plädierte auch für Schulen für Mädchen. Es gab bereits damals Stipendien für Begabte, deren Eltern sich die Ausbildung nicht leisten konnten.
Einsatz für die Berufung
Die reformatorischen Ideen stießen nicht überall auf Gegenliebe. Denn wer gibt schon gerne freiwillig Pfründe auf? Papst und Kaiser hatten naturgemäß kein Interesse an der Entflechtung ihrer Herrschaftsbereiche. Für Viele wurde es gefährlich. Paul Fagius und Martin Bucer etwa mussten des Nachts aus Straßburg fliehen. Sie kamen nach Cambridge, wo man beiden Lehrstühle angeboten hatte.
Auch Philipp Melanchthon ereilten aus ganz Europa Rufe an andere Universitäten. Doch er blieb stets in Wittenberg, um weiterhin mit seinem Freund und Weggefährten gemeinsam an der Reformation zu wirken. Er hatte sein Leben in den Dienst der Erneuerung gestellt.
Was können wir heute von den Reformatoren lernen?
Die Reformatoren traten unbeirrbar für ihre Überzeugungen ein, fühlten sich einzig Gott verantwortlich. „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein“, war der Wahlspruch Melanchthons. Gefällig zu sein und es allen Recht zu machen waren keine Argumente. Philipp Melanchthon war aber auch stets auf Ausgleich bedacht, er wollte keine Entzweiungen und setzte sein diplomatisches Geschick dafür ein. Beim Hitzkopf Martin Luther kein leichtes Unterfangen, dem nicht immer Gelingen beschieden war.
Zu Pfingsten in diesem Jahr war ich erneut in der Prädikantenbibliothek in Isny. Schmal und unterschiedlich hoch sind die Stufen in dem dunklen Aufgang zum Turm, bevor man einer Wendung folgend durch eine Auslassung im Boden das Reich der kostbaren Bücher, darunter viele Wiegendrucke, betritt. Wie durch ein Wunder war der Turm der Nikolai-Kirche beim großen Stadtbrand im Jahre 1631 stehen geblieben, als die Kirche den Flammen zum Opfer fiel. Das Feuer war in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in einer Bäckerei ausgebrochen. Der verheerende Krieg, der als Religionskrieg gilt.
Wie damals befinden wir uns auch heute in einer Zeit großen Umbruchs. Viele Herausforderungen erfordern dringend eine Lösung. Europa steht vor einer großen Probe, droht gar zu zerreißen. Ich würde mir wünschen, dass bei den Verantwortlichen dabei das Gemeinwohl aller im Mittelpunkt stünde, sie sich von christlicher Nächstenliebe leiten lassen und nicht von opportunistischem Machterhalt und persönlichem Vorteil. Das stünde wirklich allen gut zu Gesicht.

Claudia Schmid lebt seit über zwanzig Jahren in der Kurpfalz nahe der Lutherstadt Heidelberg. Ihr aktuelles Buch „Martin Luther und Philipp Melanchthon: Die Feuerschreiber“ erschienen im Fontis-Verlag. Die Germanistin stellt es 2017 bei vielen Veranstaltungen auch außerhalb der Kurpfalz vor.

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