Eckhard Hagedorn: Die Dankbarkeits-Umschulung

Eckhard Hagedorn hat sich einer Dankbarkeits-Umschulung unterzogen. Denn Dankbarkeit ist nicht immer das erste Gefühl, dass ein Autor verspürt, wenn er das erste Mal sein Buch in den Händen hält. Vielmehr handelt es sich dabei um ein erhebendes, feierliches, imponierendes Gefühl. Eckhard Hagedorn beschreibt, warum er dennoch die Dankbarkeit wählt.

Von Eckhard Hagedorn
Mittwochabend kamen die beiden ersten Exemplare von „Fette Beute“ ins Haus. Es ist doch etwas anderes, ob du eine Datei mit demselben Namen auf dem Computer hast oder das fertige Buch in der Hand. Das wirkt irgendwie wirklicher.
Am nächsten Tag bastelte mein Gehirn, ohne dass ich es ihm ausdrücklich befohlen hatte, drei Namensschubladen.
In der ersten Schublade nur ein Name: meiner. Der Herr Autor.
In der zweiten Schublade schon deutlich mehr Betrieb: Etwa fünfzehn Namen. Alle, die in der Danksagung auf den Seiten neun und zehn erwähnt wurden, der harte Kern der Buchverschwörung.
Schublade drei wurde zur Entdeckung des Tages: darin die vielen nicht namentlich Genannten. Ob ich es gemerkt habe oder nicht, im Lauf von vier Jahrzehnten habe ich von ihnen profitiert. Ohne sie wäre das Buch nie entstanden. Menschen, die meiner Bibellektüre wieder auf die Beine halfen, als ich platt war und nicht weiterkonnte. Menschen, die mir Perspektiven gegeben haben. Menschen, die mir gute Bücher geschenkt haben (und auch schlechte; die halfen meistens auch weiter). Menschen, die mich so hart kritisierten oder so unverständig lobten, dass ich tiefer hinein musste in die Bibel; Menschen, die mit ihrer schlichten Stetigkeit mich sprunghaften Leser zu einem Lebenstil führten, den ich ohne sie nie erreicht hätte. Gesprächspartner, bei denen die Unterhaltung wie das Steigen auf einen Hochsitz wurde. Studierende, die im Unterricht Fragen stellten, dass ich mir einen Sekretär gewünscht hätte, der alles mitschrieb: meine Fitnesstrainer, die mir zu denken geben.
Wenn ich beim Apostel Paulus die Frage lese „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ (1. Korinther 4,7), dann sehe ich wohl: Paulus piekst hier in den Stolz aufgeblasener Christen, wie man mit einer Nadel einen Luftballon zu Platzen bringt. Unerfreulich, wenn sowas nötig wird.
Aber höchst erfreulich, wenn die Frage zu Entdeckungen führt: Schau mal, was du alles empfangen hast! Ihr habt viel empfangen, du hast viel empfangen, wir haben viel empfangen, ich habe viel empfangen – und das „Ich“ nicht als die abschließende Krönung der Aufzählung, sondern als einer von vielen, mittendrin im Kreis der Beschenkten. Da kriegen selbst notorisch Undankbare eine neue Chance zur Umschulung.

Eckhard Hagedorn ist Theologe und promovierter Kirchengeschichtler. Am Theologischen Seminar St. Chrischona in der Schweiz ist er Dozent für Neues Testament.

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