Gesichter und Geschichten der Reformation: Die heilige Nino

Wenige Aufbrüche haben die Kirche und die Welt so sehr bewegt wie die Reformation vor fünfhundert Jahren. Diese epochale Wende veränderte das Verständnis des Evangeliums für alle Zeiten. Dabei begann Reformation nicht etwa erst im 16. Jahrhundert mit Luthers Thesenanschlag, sondern schon viel früher: Durch Männer und Frauen, die mit Leidenschaft um Erneuerung in Kirchen und Herzen kämpften.
Die heilige Nino (ca. 290–340) war eine von ihnen.
Von Ilia Osephashvili

Zeige mir, Gott meines Vaters und meiner Mutter, die Bekehrung aller Ecken dieses Landes, damit sie Freude finden und allein dich, den wahren Gott, durch deinen Sohn Jesus Christus anbeten! Ihm sei Dank und Lob!

In Kappadokien in der heutigen Türkei geboren, leitete die heilige Nino die Bekehrung der Georgier zum Christentum ein. Die georgische orthodoxe Apostelkirche nennt sie die „Erleuchterin Georgiens“ und stellt sie den Aposteln gleich. Über ihre Herkunft ranken sich verschiedene Geschichten. Nach der ostkirchlichen Tradition stammte ihr Vater Zabylon aus Kappadokien. Ihre Mutter Susanna stammte aus Kolossä in Phrygien und war eine leibliche Schwester des Jerusalemer Patriarchen Juvenal. Ninos Eltern sollen einander in Jerusalem kennen gelernt und geheiratet haben.
Über verschiedene Stationen kam Nino zusammen mit ihren Gefährtinnen Hripsime und Gaiana nach Georgien. Dort wohnte sie in der Hauptstadt Mtzcheta in einer Hütte. Sie begann, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen und die Kranken zu heilen. Dabei trug sie stets ein selbst gemachtes Kreuz aus Weinreben mit sich, das sie mit ihrem eigenen Haar zusammenband.Die heilige Nino
Nino betete für ein krankes Kind, das nach landesüblicher Sitte durch die Straßen getragen wurde, um Heilung zu finden. Daraufhin wurde es gesund. Als die todkranke Königin Nana davon erfuhr, ließ sie sich zu Nino bringen und wurde ebenfalls von ihr geheilt. Glücklich rief sie aus: „Es gibt keinen anderen Gott außer dem, den diese Sklavin verkündigt!“, und fand so zum Glauben.
König Mirian III. wollte Nino mit Gold und Silber belohnen, doch Nino lehnte das ab. Als Mirian auf einer Jagd von einer Finsternis überrascht wurde, versprach er nach vergeblichen Gebeten an die überkommenen Götter, er werde den Gott Ninos verehren, wenn er aus seiner Notlage befreit werde. Das Wunder geschah, das Licht erschien wieder, und er konnte wohlbehalten nach Mtzcheta zurückkehren. Mirian III. erhob das Christentum 337 – nach Auffassung der Georgischen Orthodoxen Apostelkirche 326 – zur Staatsreligion.
Überall in Georgien verkündigte Nino das Evangelium. Auf der Rückreise aus Ostgeorgien starb sie in Bodbe in Kachetien und wurde dort begraben. König Mirian ließ über ihrem Grab eine Kirche errichten. Das dortige Kloster wird heute von einem orthodoxen Nonnenkonvent genutzt.

Ilia Osephashvili ist Bischof der Evangelisch-Baptistischen Kirche von Georgien und Regionalbischof für Kachetien (Ostgeorgien).
Dieser Text ist ein Auszug aus dem im Fontis-Verlag erschienenen Buch „Gesichter und Geschichten der Reformation“ von Roland Werner und Johannes Nehlsen (Hrsg).

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