Markus Reder: Zusammen sind wir Deutschland

„Zusammen sind wir Deutschland“: So lautet das Motto der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit, der am 3. Oktober in Mainz gefeiert wird. Warum gerade Christen einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten können und müssen, schreibt Markus Reder in seinem Kommentar zum Nationalfeiertag.
Von Markus Reder
Die Franzosen haben es gut. Wenn die ihren Nationalfeiertag begehen, feiern sie wirklich. Da ist Party in Paris. Volksfeststimmung, guter Wein, leckeres Essen und abendliches Feuerwerk. Okay, die übliche Militärparade ist nicht jedermanns Sache. Aber bitte, wer’s braucht.
Verglichen mit der Party in Paris kommt der Tag der Deutschen Einheit einigermaßen steif daher. Das liegt nicht am herbstlichen Datum 3. Oktober. Auch nicht an organisatorischen Defiziten. Da ist man in Deutschland bekanntermaßen Spitze und hat sich auf einen feinen föderalen Feier-Modus verständigt: Die offiziellen Feierlichkeiten finden in dem Bundesland statt, das gerade die Bundesratspräsidentschaft inne hat. Diesmal richtet Rheinland-Pfalz den Tag der Einheit aus. Alles wie immer, könnte man sagen. Eine gut organisierte Feier, emotional unterkühlt, aber protokollarisch allererste Sahne. Auch ein schönes Motto haben die Organisatoren gefunden: „Zusammen sind wir Deutschland“.
Alles wie immer also?
Einheitserinnerungsroutine in 2017? Sicher nicht. Nicht nach dieser Bundestagswahl. Ja, es stimmt: Die Dankbarkeit über das historisch einzigartige Geschenk der Wiedervereinigung überstrahlt auch heftige Verwerfungen der Tagespolitik. Dennoch kommt man nicht umhin, am Tag der Einheit über die Bundestagswahl und ihre Folgen zu sprechen. Schon gar nicht, wenn das Motto der Einheitsfeier „Zusammen sind wir Deutschland“ lautet.
Probe für den Zusammenhalt
Genau dieser „Zusammen“-Halt der Gesellschaft ist auf eine harte Probe gestellt. Das Wahlergebnis zeigt das deutlich. Darauf muss Politik antworten. Sich mutig dieser gesellschaftspolitischen Herkulesaufgabe zu stellen, wäre weit wichtiger als die Strategiespiele zur parteipolitischen Selbsterhaltung, die jetzt in den Parteizentralen laufen. So lange sogenannte Volksparteien keine überzeugende Idee formulieren, wie die Gesellschaft von morgen aussehen und nach welchen Werten sie funktionieren soll, verliert sich Politik in Kurzatmigkeit und im Klein-Klein angeblicher Alternativlosigkeit. Das ist zu wenig angesichts der gewaltigen Herausforderung von Globalisierung, Digitalisierung und Migration. Um nur einige Beispiel zu nennen. Politik bedeutet zunächst Gestaltungswille, nicht Machterhalt. Wer seine Macht erhalten will, muss Gestaltungsfähigkeit unter Beweis stellten. Dafür braucht es Werte und Prinzipien. Wer sich weigert, ein gesellschaftliches Leitbild zu formulieren, es argumentativ zu begründen und dafür um Zustimmung zu ringen, darf sich nicht wundern, wenn Zusammenhalt zerbricht und Scharfmacher Erfolge feiern.
Christen sind resistent gegen Ideologien
Christen kommt in dieser Situation besondere Bedeutung zu. Zumindest jenen, die das Evangelium ernst nehmen. Warum? Das Evangelium macht ideologieresistent und immunisiert gegen Populismus gleich welcher Couleur. Christen sehen die Wirklichkeit wie sie ist und sind in der Lage, den Realismus der Frohbotschaft in eine aufgewühlte, massiv verunsicherte, zum Teil verängstigte Gesellschaft zu tragen. Sie verteidigen konsequent den Primat der Humanität, ohne dabei Humanität mit Naivität zu verwechseln. Solch christlicher Realismus wird in diesen bewegten Zeiten dringend gebraucht – in allen Politikfeldern.
Das Potential der kreativen Minderheit
Christen – zumal im Osten – sind längst kein gesellschaftsprägender Faktor mehr. Dennoch sollte niemand das Potenzial einer kreativen Minderheit unterschätzen. Wo christlicher Glaube tatsächlich gelebt wird, da verändert sich etwas. Der Blick in die junge Kirche des Anfangs zeigt deutlich, es braucht keine Masse, um eine Gesellschaft zu bewegen. Es braucht gelebtes Zeugnis.
Einheit und Freiheit sind unfassbare Geschenke, für die man nur dankbar sein kann. Die Einheit ist und bleibt Grund zur Freude und Anlass, sich zu erinnern. Auch daran, welch herausragenden Beitrag Christen beider Konfessionen zum Fall der Mauer und zur friedlichen Revolution im gesamten Osten geleistet haben. Auch da waren sie übrigens keine Massenbewegung.
Soll Paris ruhig Party machen. Berlin braucht jetzt Besinnung. Der Tag der Deutschen Einheit verträgt keine Gedenk- und Feierroutinen. Einheit und Freiheit haben keine Bestandsgarantie. Sie müssen – wie auch die Demokratie – immer wieder neu errungen und gefestigt werden.

Markus Reder studierte Theologie und Germanistik und war als Chefredakteur viele Jahre für die überregionale katholische Zeitung „Die Tagespost“ tätig. Er arbeitet heute als freier Journalist und Autor.

Foto: Plakat zum Tag der Deutschen Einheit; © Staatskanzlei RLP

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