Raphael Müller: Interview

Raphael Müller schreibt seit 2014 für Fontis. Sein Buch «Ich fliege mit zerrissenen Flügeln» hat für großes Aufsehen gesorgt. Nach sechs Wochen drucken wir bereits die zweite Auflage, und es sind schon viele Zeitungsberichte über ihn erschienen. Raphael ist Autist und Epileptiker, er sitzt schwerstbehindert im Rollstuhl und kann nicht reden, sondern nur Laute von sich geben. Aber Schreiben, ja, das kann er. Und wie! Und was er seelisch und geistlich erlebt, geht tiefer als das, was man gemeinhin gewohnt ist.

Lieber Raphael, welches Buch liegt gerade auf Deinem Tisch?

«Robinson Crusoe» auf Italienisch und Joachim Bauer, «Prinzip Menschlichkeit».

Welche anderen Bücher hast Du in den letzten Monaten gelesen?

Die Bibel, die Bücher von Nick Vujicic, Effi Briest und Schillers «Räuber», ganz viel Goethe, jede Menge über Epigenetik, einen Haufen Schulbücher, den «Kleinen Prinz» auf Französisch, «Pride and Prejudice» («Stolz und Vorurteil» von Jane Austen) auf Englisch.

Welche drei Bücher haben Dich in Deinem Leben bis heute am meisten beeindruckt?

Die Bibel, vor allem das Neue Testament; Nick Vujicic und «WWJD?» (Garrett W. Sheldon: «Was würde Jesus tun?»).

Welches ist bis jetzt (mal abgesehen von der Bibel) «das Buch Deines Lebens» – und warum?

«WWJD?», den Roman finde ich echt gelungen, weil die Wirkung länger anhält als das Lesevergnügen.

Welches ist bis jetzt «der Song oder das Musikstück Deines Lebens» – also quasi «the soundtrack of your life»?

Meinen «Soundtrack» singen die Delfine für mich. Erst Alfonz, dann Mateo und vor kurzem Papito. Kann man in meinem Buch nachlesen.

Welche drei Kinofilme haben Dir für Dein Leben am meisten Input gegeben – und wieso?

«Ziemlich beste Freunde», weil er humorvoll die perfekte Pflegesituation beschreibt. Ich wünsche allen Pflegebedürftigen ein paar Menschen mit Herz und Humor an die Seite, solche, die sich nicht mit dem Praktikablen zufriedengeben, sondern Mut für ungewöhnliche Wege haben und zu träumen wagen. Behinderte und Kranke müssen auf manches verzichten. Vieles ist dennoch möglich, sofern andere sich nicht abschrecken lassen. Außerdem: «Mein Freund, der Delfin», weil Delfindame Winter und ihr Freund, der Junge Sawyer, so grandios zeigen, dass man nie aufgeben darf. Und als Drittes Biografien wie «Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika», «Vision – aus dem Leben der Hildegard von Bingen», «Franziskus» oder «Nelson Mandela». Ich mag Idealisten.

Wenn wir von den Medien und Kunst und Kultur reden: Was kann bei Dir am meisten Emotionen auslösen, vielleicht sogar bis zu Tränen und innerer Erschütterung?

Biografien können sehr beeindruckend sein. Klassische Musik auch.

Gibt es einen Maler oder Fotografen, dessen Werk Dir so gefällt, dass Du Dir (falls bezahlbar) gerne eines seiner Oeuvres kaufen und an die Wand hängen würdest?

Pablo Picasso, Chagall oder Monet. Leider alle unbezahlbar.

Welche Bücher-Genres liest Du selbst am liebsten?

Ich bin ein Allesleser.

Und welche Genres liegen Dir überhaupt nicht?

Horror und trockene Gesetzestexte gehen mir gegen den Strich! Grammatikregeln übrigens auch.

Wie lange schreibst Du selbst schon, und wie kam es dazu?

Seit sieben Jahren, es ist meine einzige Kommunikationsmöglichkeit. Abgesehen von Schulaufsätzen macht Schreiben riesig Spaß! In der fünften Klasse hatte ich das Bedürfnis, meinen Klassenkameraden meine Situation zu verdeutlichen. Das habe ich in eine Zwergengeschichte verpackt. Inzwischen arbeite ich an Teil 3 von «Asa und Gasa» (leider noch nicht veröffentlicht).

Gibt es AutorInnen, deren Werke Dich bis heute prägen und begleiten?

Jedes Buch hinterlässt Spuren. Deshalb mag ich keine Horror-Stories lesen.

Wie lange schreibst Du an einem Manuskript, bis Du es dem Verlag abgibst?

Das kommt ganz darauf an: Gedichte habe ich meist innerhalb weniger Minuten fertig im Kopf, in einer halben Stunde sind sie fertig zu Papier gebracht. Prosatexte dauern länger, weil ich auf freie Zeitkontingente anderer Leute angewiesen bin, um sie zu tippen. Am Buch «Ich fliege mit zerrissenen Flügeln» habe ich etwa zehn Wochen gearbeitet.

Zu welchen Tages- und Nachtzeiten schreibst Du?

Wann immer man mich lässt.

Und wo schreibst Du – zu Hause, draußen, im Bett, an speziellen Orten? Ziehst Du Dich dabei total zurück?

Ich schreibe überall an meinen Projekten, meist zu Hause, nur nicht in der Schule.

Bist Du beim Schreiben immer allein, oder bist Du dabei auch umgeben von Leuten?

Ohne Stützer funktioniert die Gestützte Kommunikation (FC) nicht, also ist zwangsläufig jemand in meiner Nähe.

Gibst Du Dein Manuskript in der Entstehungsphase anderen Leuten zum Lesen, oder gibst Du es erst aus der Hand, wenn Du es an den Verleger schickst?

Meine Familie war live dabei bei der Entstehung der einzelnen Kapitel, und dann durfte es eine Freundin am Stück lesen, das war auch gut so. Daraufhin habe ich zum besseren Verständnis die Reihenfolge der ersten Kapitel geändert und medizinische Begriffe genauer erklärt.

Was war Deine schönste Erfahrung im Zusammenhang mit Deinen Büchern?

Das war die rasche Zusage vom `fontis-Verlag, dadurch erschien mein erstes Buch pünktlich zu meinem 15.Geburtstag. Das ist doch mal ein cooles Geschenk!

Welches war das schönste Feedback auf einen Deiner Texte?

Das schönste Feedback kam per E-Mail von einer Lehramtsstudentin. Meine Texte hätten ihre Sichtweise verändert, künftig sollen bei ihr alle Kinder eine Chance auf Bildung bekommen und Mensch sein dürfen. Das wird bestimmt eine großartige Lehrerin! Von dieser Sorte braucht es ganz viele, damit Inklusion nicht eine politische Floskel bleibt, sondern auch gelebt wird.

Welches war das schwierigste oder vielleicht auch verletzendste Feedback?

Auf «Ich fliege mit zerrissenen Flügeln» gibt es noch kein negatives Feedback – es ist ja mein erstes gedrucktes Buch und noch dazu druckfrisch. Aber die Reaktion eines Lehrers auf einen meiner Aufsätze fand ich sehr schmerzhaft. Er meinte damals, der Aufsatz wäre zu gut, der könne unmöglich von mir stammen. Das hat mich sehr gekränkt. Da strengt man sich an, und dann so was. Der Aufsatz war astrein meiner!

Fühlst Du Dich generell mit Deinen Texten vom Publikum gut verstanden? Oder manchmal auch missinterpretiert oder falsch analysiert?

Ich bin schon sehr gespannt, was die Leser meinen. Es würde mich mächtig freuen, wenn mein Anliegen der Inklusion verstanden wird und Ermutigung gelingt.

Schreiben kann eine einsame Geschichte sein: Man sitzt stundenlang und manchmal ganze Tage lang sehr allein vor dem Bildschirm. Ist das schmerzhaft für Dich? Wie denkst Du darüber?

Ich bin nie allein. Und nein, Schreiben ist keineswegs schmerzhaft, es ist Erleichterung, Ventil und Oase.

Wo holst Du Dir Deine Ideen fürs Schreiben, für Gedichte, für Geschichten, für Dialoge, für Strukturen?

Och, die finde ich überall. Manchmal liegen sie einfach in der Luft.

Sind noch viele Ideen, Stories und Bücher in Dir drin, oder bist Du des Schreibens manchmal überdrüssig und müde?

Ich fange doch gerade erst an … Wenn ich die Ideen nicht loswerde, platze ich irgendwann.

Weißt Du am Anfang eines Manuskripts eigentlich schon genau, wohin die Reise geht und wie das Buch enden wird?

Bei meiner Autobiografie kannte ich das Ende (des bisherigen Teilabschnitts) natürlich schon. Über die Fortsetzung kann ich leider noch nichts sagen. Bei anderen Texten habe ich ein Ziel vor Augen, aber auf dem Weg dorthin lasse ich mich gerne überraschen.

Gibt es einen Autor, eine Autorin, die Du unbedingt treffen möchtest in Deinem Leben? Oder einen Musiker, einen Künstler?

Nick Vujicic würde ich gerne kennenlernen. Max Lucado und Stephen Hawking auch. Für Goethe, Schiller und Shakespeare bin ich etwas zu spät dran. Auch Kant und da Vinci habe ich leider verpasst.

Hoffst Du darauf, irgendwann dank dem Schreiben etwas verdienen zu können?

Ich bin Schüler, mein finanzielles Standbein sind meine Eltern. Aber ich fände es schon cool, wenn ich eines Tages vom Schreiben leben könnte. Ich kann ja sonst kaum etwas tun.

Wie ist das Thema «Glaube» überhaupt in Dein Leben gekommen?

Das ist nicht erst gekommen, es war schon immer da.

Inwiefern haben das Schreiben Deines Buches und die Reaktionen der Leserschaft und der Öffentlichkeit Dein Leben verändert?

Schreiben ist die Brücke von meiner autistischen Welt in Eure und daher mein Lebenselixier. Ob und wie das Ergebnis meinen Lesern behagt, weiß ich nicht. Immerhin habe ich ein paar Wettbewerbe gewonnen, und ich freue mich über jeden, der sich mit mir über mein Buch freut. Und wenn es anderen weiterhilft und zum Verständnis beiträgt, umso besser!

Hast Du ein Lebensmotto, das dauernd in Deinem Herzen und Deinem Kopf drin ist?

«Gott macht keine Fehler, also macht auch das Sinn.» Und: «Gib niemals auf». Und zuletzt: «Bei Gott ist nichts unmöglich!»

Was ist Dir in Bezug auf Dein Buch speziell wichtig?

Ich möchte Mut machen.

Wieviel von Dir selbst ist eigentlich in Deinen Texten drin, gerade in den noch unveröffentlichten Zwergengeschichten und in Deinen Gedichten?

In meiner Autobiografie steckt natürlich «Raphael pur» drin. In meinen Zwergenbüchern habe ich mich hinter der Person von Daniel versteckt. Mal sehen, was mir in Zukunft so alles einfällt.

Gibt es etwas, das Du den Leserinnen und Lesern unserer `fontis-Website noch mitgeben möchtest?

Mir ist Inklusion sehr wichtig, und zwar in allen Bereichen: Alle Menschen (Arme, Kranke, Behinderte, Fremde …) haben ein Recht darauf, dazuzugehören.

Lieber Raphael, wir vom Fontis-Verlag danken Dir und Deiner Familie herzlich für dieses Interview und wünschen Dir alles erdenklich Gute: Dass Du weiterhin ein gesegneter Mensch sein und das auch spüren, wissen, genießen und weitergeben kannst.

Verantwortlich für die Fragen: Christian Meyer, Abteilungsleiter Lektorat, und Johannes «Jonny» Grapentin, Marketing-Abteilung

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