Uwe stößt an: Hier Kirche des Trosts, da Kirche des Trödels

In seiner neuen Kolumne schreibt Uwe Siemon-Netto über sehr trostspendende Erfahrungen mit Pastoren aus seiner Gemeinde in Kalifornien. Er fragt, warum das in deutschen Kirchen nicht möglich ist.

von Uwe Siemon-Netto
In dieser Adventszeit entdeckte ich einen Standort der „ecclesia abscondita, der verborgenen Kirche, von der meine letzte Kolumne handelte. Sie blüht in meiner Gemeinde, der „Faith Lutheran Church“ in Capistrano Beach in Südkalifornien. Meine Frau Gillian wurde zum zweiten Mal in diesem Jahr in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingewiesen. Wieder stand sofort einer unserer beiden Gemeindepfarrer an ihrem Bett. Erst brachte er sie mit seinem kernigen lutherischen Humor zum Lachen, dann verwies er sie auf das Kreuz, das jedem von uns auferlegt wird, wenn wir Christus nachfolgen. Zum Schluss betete er mit uns das Vaterunser und segnete Gillian mit dem Kreuzeszeichen.
Einige Tage später war Gillian zu Hause. Sie ist zu schwach, mit mir in die Kirche zu gehen, weshalb die Kirche zu ihr kam. Unser Hauptpastor Ron Hodel brachte ihr das Heilige Abendmahl von dem Luther sagte: „Es bringt und stärkt den Glauben, überwindet Sünde, Teufel, Tod, Hölle.“ Er sprach mit uns Luthers Beichtgebet: „… Ich armer elender, sündiger Mensch bekenne dir alle meine Sünde und Missetat …“ Er erteilte uns die Absolution und konsekrierte die Oblaten und den Wein. Nach der Kommunion sagte Gillian: „Noch nie habe ich meine Mitgliedschaft am Leib Christi so real empfunden wie in diesem Augenblick.“ Tags darauf erzählte ich dies einem deutschen Pfarrer in einem Telefongespräch. „Wow“, antwortete er, „das wäre bei uns undenkbar. In Deutschland sind wir Pfarrer kirchliche Verwaltungsangestellte mit zehn Prozent Seelsorgekapazität.“
Diese Kunde ist ebenso schlimm wie das Ärgernis der libidobesessenen Verplemperer von Kirchensteuern, dieser unnützen Klerokraten, die täglich das Lutherwort bestätigen: „Sie füllen wie die Säue den Raum, an dem sonst gute Prediger stehen sollten.“ Eine erbärmlich schriftvergessene Kirchenstruktur hindert treue Geistliche daran, das zu tun, wozu ihr langjähriges Studium der biblischen Sprachen und Texte, der Kirchen- und Theologiegeschichte, der systematischen Theologie, der Liturgik, Religionspädagogik, Predigtlehre und Seelsorge sie befähigt: Gottesdienste zu feiern, das Evangelium zu verkündigen, die Sakramente zu verwalten, die Jugend zu unterweisen und den Kranken, den Alten und den Gebrechlichen Trost zu spenden.
Unsere kalifornische Gemeinde hat nur 370 Glieder. Sie gönnt sich aber – neben der Organistin und der Sekretärin – zwei gut bezahlte Pfarrer, die genau dies tun. Jeder von ihnen macht im Schnitt 15 Hausbesuche wöchentlich. Dies ist einer der Gründe, weshalb die beiden rund 60 Stunden in der Woche im Dienst sind. Ihnen sind die Gnadenmittel der Kirche anvertraut – Wort und Sakrament – aber eben nicht die Finanzen und die Administration; darum kümmern sich Ehrenamtliche.
Gewiss, die Pfarrer deutscher Gemeinden mit ihren vielen tausend Gliedern könnten nicht alle ihre Alten und Gebrechlichen besuchen, selbst wenn die Kirche ihren Klerus nicht schwachsinnig als Verwaltungsangestellte missbrauchte. Aber dass diese Kirche ihre Geistlichen mit immer neuen Lawinen ideologischen Trödels von ihren seelsorgerlichen Pflichten abhalten; dass sie ihre riesigen Einnahmen auf Dezernate, Konferenzen und Publikationen verschwenden, bei denen es um Zeitgeist-Themen ohne jegliche geistliche Relevanz geht, das nehme ich ihnen bitter übel. Denn sie enthalten Millionen Christen das vor, was sie ihnen schulden und was Gillian und ich gerade in Kalifornien erfahren: Zuspruch in Zeiten großer Not.

Uwe Siemon-NettoUwe Siemon-Netto ist 80 Jahre alt, im Herzen aber noch immer ein junggebliebener Rebell und Querdenker. Deswegen schreibt er auch auf dem Fontis-Blog unter der Rubrik „Uwe stößt an“. Er hat als Journalist im In- und Ausland gearbeitet, ist Theologe und Schriftsteller.
Sein aktuelles Buch „Luther – Lehrmeister des Widerstands“ ist im September 2016 im Fontis-Verlag erschienen.
Weitere Beiträge von Uwe Siemon-Netto auf dem Fontis-Blog:
Uwe stößt an: Kirche zwischen Murks und Banalität
Uwe stößt an: Triumphator Trump – Gipfel einer schäbigen Posse
Uwe stößt an: Luther und die Fesseln der Borniertheit
Uwe stößt an: Wölfin rettet Rentner vor der Deutschen Bahn

Das könnte dich auch interessieren

Tag der deutschen Sprache

Gender-Sprache – ist dieses Thema nicht längst erledigt und ausdiskutiert? Jetzt, da selbst die a...
Weiterlesen

BücherREZEPT: Ein Lebensrezept mit Würze ("Seelenwirt" von Res Hubler)

Für das Buch von Res Hubler konnte es gar kein anderes Podcast-Format geben als das vom «BücherRE...
Weiterlesen

BücherTALK mit Konstantin Mascher: Männer, Bier und Brauen. Ein Reifeprozess. ("MASS HALTEN")

Dominik: Es ist sehr einfach, die Brücke vom Biertrinken zum Mannsein zu schlagen. Wenn ich es ri...
Weiterlesen