Uwe stößt an: Luther und die Fesseln der Borniertheit

„Das Wort sie sollen lassen stahn“, beginnt die letzte Strophe von Martin Luthers Anthem der Reformation, deren 500-jähriges Jubiläum wir nächstes Jahr begehen. Wer letzthin das klerikale Gelaber zu diesem Thema verfolgt hat, ist versucht, aufzustöhnen: „Was, noch ein Wort? Habt Ihr mich in den letzten Jahren nicht schon mit genug Wörtern irritiert?“ Uwe Siemon-Netto stößt an: auf Luther, auf die Reformation.
Von Uwe Siemon-Netto
Luthers Worte füllen 80.000 Seiten der Weimarer Gesamtausgabe seiner Werke, Stoff genug für geistvolle Reflexion, die aber die EKD nur sparsam vermittelt. Nun ja, es wird ja viel über Unerfreuliches reflektiert, das er im Alter über die Juden sagte. Das anzuprangern ist legitim. Aber es geschieht so mantrenhaft, dass ich dabei an Shakespeares Hamlet, Akt III, Szene 2, denken muss: „Mich dünkt, die Dame tat zu sehr protestieren.“
Was halten wir hingegen von dem Kirchenkanzleigeschwafel zu einem Zeitpunkt, an dem wir den genialen Mann würdigen sollten, der unserem Idiom erst Guss verliehen hat? Luthers Sprache ist bei seiner Kirche zurzeit wenig gefragt. Lieber macht sie Anleihen bei dem Murks, zu dem inferiore Gemüter in den USA die Mundart Shakespeares reduziert haben. Am meisten regt mich davon „gender mainstreaming“ auf, das mehr evangelische Referentinnen in Ekstase versetzt als der Gedanke an die Altenseelsorge.
Die Wortbestie „gender mainstreaming“
Sezieren wir doch einmal diese Wortbestie. Laut Langenscheidt bedeutet „gender“ Genus. Das Genus kennzeichnet die verschiedenen Klassen (männlich, weiblich, sächlich), in die Substantive, Adjektive und Pronomen eingeteilt sind. Eine Allianz erotisch verkorkster Sauertöpfe hat den sprachwissenschaftlich klaren Begriff „gender“ zum Substitut für „Sex“ (Geschlecht) umfunktioniert, weil dieses Hauptwort ihnen fälschlich eine Aktivität suggeriert, die für sie ein Tabu ist und auch einen anderen Namen hat.
Und das Verb „mainstreaming“ existiert im klassischen Englisch erst gar nicht. „Mainstream“ gibt’s nur als Substantiv und bedeutet Hauptstrom. US-Sprachbanausen kreierten also ein Zeitwort, für den deutsche Sprachbanausen den etymologischen Mumpitz „genushauptströmen“ einführen müssten, verfügten sie über einen Anflug von Selbstironie. EKD-Talente versuchten, Klarheit zu schaffen: Gender mainstreaming sei „eine aktiv betriebene Politik zur Förderung der Geschlechtergerechtigkeit“ – acht fulminante Wörter von der Kirche Luthers, der jedoch in „Ein feste Burg“ eines hochhielt: das Wort, den Logos, wie die Alten Griechen das Vernunftprinzip schlechthin nannten; für Cicero war’s der Weltgeist.
Für uns Christen ist dieses Wort aber die zweite Person der Dreifaltigkeit, durch die „alle Dinge gemacht“ sind (Johannes 1,3), und dieser Logos hat sich kleingemacht, in eine Krippe legen und 33 Jahre später ans Kreuz nageln lassen, und zwar „pro me“, wie Luther sagte: für mich! Dies ist eine theologische Aussage von atemberaubender Größe. Für Luther war sie zentral, während sich die evangelische Geistlichkeit heute mit Papperlapapp über das Genus verzettelt.
Frei und doch mit angelegten Fesseln
„Wir wissen gar nicht, was wir Luthern zu verdanken haben“, sagte Goethe zu Eckermann, „wir sind freigeworden von den Fesseln geistiger Borniertheit.“ Jetzt legen sich viele „progressive“ Kirchenleute wieder Fesseln an, und das ist ja durchaus zeitgeistgemäß.

Uwe Siemon-NettoUwe Siemon-Netto ist 80 Jahre alt, im Herzen aber noch immer ein junggebliebener Rebell und Querdenker. Deswegen schreibt er auch auf dem Fontis-Blog unter der Rubrik „Uwe stößt an“. Er hat als Journalist im In- und Ausland gearbeitet, ist Theologe und Schriftsteller.
Sein aktuelles Buch „Luther – Lehrmeister des Widerstands“ ist im September 2016 im Fontis-Verlag erschienen.
Foto oben: Thomas Vollmer (Churchphoto.de)

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