Zwischen Safran und Sari: Mit Sicherheit nie sicher?

„Es ist dunkel – du gehst auf keinen Fall alleine aus dem Haus!“ Diesen Satz hat Tabitha Bühne zuletzt als kleines Kind gehört und reagiert etwas pikiert. Schließlich ist sie eine erwachsene, selbstbewusste Frau. Seit dem Frühjahr 2016 wohnt sie in Indien und wird dort damit konfrontiert, dass Frauen anders behandelt werden als in Westeuropa. In ihrer Blog-Rubrik „Zwischen Safran und Sari“ schreibt sie über das Leben in der gefährlichsten Stadt Indiens.

Von Tabitha Bühne
Mein Mann macht sich Sorgen. Er hat kürzlich noch über Frauen berichtet, die Opfer von Säure-Attacken wurden. Außerdem gilt Delhi als „Hauptstadt der Vergewaltigungen“. Wir wohnen in der gefährlichsten Stadt Indiens für Frauen und Kinder.
Frauen in Indien – mit Sicherheit nie sicher
Zeitungsartikel Vergewaltigung IndienViele arme Männer kommen aus dem Norden hierher um eine Arbeit zu finden, sie haben bisher weder Toiletten noch weißhäutige Frauen gesehen. Dazu kommt ein Ungleichgewicht bei den Geschlechtern, denn weibliche Föten werden immer noch häufig abgetrieben. Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber so ganz geheuer sind mir manche Wege hier nicht. Ich erinnere mich noch gut an den Fall, als sechs Männer während einer Busfahrt eine Frau vergewaltigten und sie mit einer Eisenstange quälten. Sie schmissen die 23-Jährige und ihren Begleiter aus dem fahrenden Bus und versuchten sie zu überfahren. Obwohl sie nackt war und blutete, wollte 20 Minuten lang keiner der vielen Auto- und Rikscha-Fahrer anhalten und helfen. Die Polizei kam erst nach 45 Minuten und stritt sich dann um Zuständigkeiten. Dieser Fall aus dem Jahr 2012 hat zu Demonstrationen, einem verschärften Sexualstrafrecht und einem rapiden Anstieg von Vergewaltigungsanzeigen geführt. Aber grundsätzlich ist es nicht besser geworden. Tagtäglich macht Gewalt dieser Art mindestens zwei Schlagzeilen, und mir wird regelmäßig schlecht davon. Ich lese, wie eine 16-Jährige von mehreren Männern sexuell missbraucht wurde und Anzeige erstattete. Doch es kam zu keiner Verhaftung. Stattdessen wurde sie erneut vergewaltigt und sogar angezündet. Vor ein paar Wochen gab es zwei ähnliche Vorkommnisse genau in meinen Stadtteil. In ländlichen Gegenden ist es vielfach noch schlimmer. Hier werden immer wieder auf Beschluss des Dorfrats Mädchen mit einer Gruppenvergewaltigung bestraft, meist für eine angebliche Affäre mit einem Jungen aus einem Nachbardorf. Wütend macht mich, dass in mehr als drei Viertel der angezeigten Fälle die Vergewaltiger ungeschoren davonkommen sollen. Viele Taten werden nicht mal angezeigt, oft auch aus Angst vor der Polizei, die regelmäßig in die Verbrechen verwickelt ist. In weiten Teilen Indiens nehmen Ärzte noch den obszönen „Fingertest“ vor: Sie prüfen die Dehnbarkeit der Vagina. Passen zwei Finger hinein, gilt die Frau als „Schlampe“ und hat den Geschlechtsverkehr wohl selbst provoziert.
Sicher in Indien – mit Vorsichtsmaßnahmen
Mir ist bisher nichts passiert und ich fühle mich in Indien sicher. Anfangs war das anders – da fand ich selbst die Blicke einiger Männer sehr verstörend. Mittlerweile schaue ich durch sie hindurch. Ich halte mich an ein paar Regeln und kann Urlauberinnen nur empfehlen: Möglichst lange Röcke oder Hosen tragen. Enge Shirts, weite Ausschnitte oder schulterfreie Tops zu Hause lassen. Wer Angst zeigt, wird schnell als mögliches Opfer erkannt – daher immer selbstbewusst gehen. Orte, in denen Mob-Bildung wahrscheinlich ist, gilt es zu meiden. Abends laufe ich nie alleine durch die Stadt, in den meisten Gebieten benutze ich alleine keine öffentlichen Verkehrsmittel. Wenn ich abends alleine ein Taxi nehme, mache ich vorher ein Bild vom Nummernschild und verschicke es per SMS. Wenn jemand verbal belästigt oder handgreiflich wird, ist Schreien sinnvoll – denn solche Szenen sind den Indern sehr peinlich. Bloß nicht die Hand am Hintern oder sonstige Aktionen ignorieren, sondern lautstark reagieren. Mit Englisch kommt man gut zurecht, aber ein paar Worte Hindi können nicht schaden: „Hör auf“ und „Ich will das nicht kaufen“ waren meine ersten Brocken auf Hindi. Eines möchte ich aber noch klar zum Ausdruck bringen: Ja, Frauen werden leider oft schlecht behandelt. Aber ich habe gleichzeitig noch nie so viel weibliche Würde, Freude und Stärke erlebt wie hier in Indien. Das Land fordert mich heraus und hat doch auf zauberhafte Weise mein Bild vom „Frausein“ positiv verändert. Doch davon mehr im nächsten Blog …
Tabitha Bühne - VitafotoTabitha Bühne lebt seit dem Frühjahr 2016 in Indien. Sie ist Ultramarathon-Läuferin, Hörspielautorin, Ernährungsberaterin und Medienwissenschaftlerin. Für den ihren Blog „Zwischen Safran und Sari“ hält sie ihre Erlebnisse aus diesem vielfältigen Land in Texten und Bildern fest.

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