Der Gott, der sie sieht

Flüchtlingslager Griechenland

Die Jahreslosung 2023 gibt eine neue Perspektive auf die Flüchtlingssituation in Europa. Andrea Wegener, Autorin des Buches «Wo die Welt schreit» und jahrelange leitende Mitarbeiterin im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, schreibt über «El Roi» – der Gott, der sie sieht.

Da rief Hagar aus: »Ich bin tatsächlich dem begegnet, der mich sieht!« Darum nannte sie den HERRN, der mit ihr gesprochen hatte: »Du bist der Gott, der mich sieht.« Der Brunnen an dieser Stelle erhielt den Namen: »Brunnen des Lebendigen, der mich sieht«. – 1. Mose 16,13–14 (Hfa)

Ich kann sie mir gut vorstellen, wie sie da auf einem Felsbrocken unter einem Strauch sitzt, die Arme um den schwangeren Bauch geschlungen, den gehetzten Blick gesenkt. Sie ist so unendlich müde, aber an Ausruhen ist nicht zu denken.

«Woher kommst du und wohin gehst du?», wird sie gefragt. Wohin sie unterwegs ist – diese Frage beantwortet sie gar nicht; sie weiß in diesem Moment nur, dass sie es dort, wo sie herkommt, nicht mehr ausgehalten hat ...

Hagar ist eine dieser Frauen in der Bibel, deren Schicksal mir immer näher geht, seit ich unter Flüchtlingen in Griechenland arbeite. Hier wird uns eine der ersten Geflüchteten der Bibel vorgestellt, und ich sehe die Parallelen zu den Menschen, mit denen ich hier täglich zu tun habe.

Hagar ist in eine unerträgliche Situation geraten, weil andere Menschen, unter deren Autorität sie steht, einige ausgesprochen schlechte Entscheidungen getroffen haben: Abram und Sarai sind des Wartens auf den versprochenen Sohn müde geworden und haben die Dinge selbst in die Hand genommen. Über Hagar, die eigentlich unter dem Schutz dieses Paares stehen sollte, ist einfach verfügt worden. Auf die denkbar persönlichste, intimste Weise ist sie in das Durcheinander dieses Paares hineingerissen worden: Sie ist genötigt worden, mit ihrem Herrn zu schlafen.

Dann hat Hagar durch ihr eigenes Verhalten noch mit dazu beigetragen, ihre Lage zu verschlimmern. Schließlich ist sie geflüchtet. Und jetzt sitzt sie hier verzweifelnd und perspektivlos in der Wüste.

Aber sie ist nicht allein! Gott findet Hagar dort in der Wildnis, und er spricht sie an: «Hagar, Magd Sarais, woher kommst du und wohin gehst du?» Gott weiß ofenbar sehr genau, wer Hagar ist und wo sie eigentlich hingehört. Er redet gar nicht um den heißen Brei herum: sie ist eine Magd, und dass sie hier alleine in der Wüste unterwegs ist, verlangt nach einer Erklärung!

«Ich fliehe vor meiner Herrin», weiß Hagar in diesem Moment nur. Sie will, so sieht es aus, einfach nur weg. Ob sie zu ihrer Familie in Ägypten flüchten möchte? Ob sie überhaupt irgendeine Vorstellung hat, wie es mit ihr weitergehen soll? Eine Hoffnung? Träume gar? In diesem Moment spricht sie jedenfalls nicht von der Zukunft, sie sieht nur die Vergangenheit und die Gegenwart. Und beide sehen sehr düster aus.

«Die wollen doch nur ein bequemeres Leben in Deutschland», «die sind in ihrer Heimat gar nicht wirklich in Gefahr» – manchmal lese ich in den sozialen Medien solche Kommentare meiner Freunde zu Hause in Deutschland über die Geflüchteten, die hier am Rand Europas festsitzen. Und ich merke, dass ich diese Vorstellungen in Deutschland mit den Geschichten der meisten Menschen, mit denen ich hier zu tun habe, kaum zusammenbringe. Viele berichten von aussichtslosen Umständen, in die sie unverschuldet hineingeraten sind. «Ich kann doch auch nichts dafür, dass ich in Afghanistan geboren bin», meinte eine junge Frau, die vor den Taliban geflüchtet ist, fast entschuldigend. Und obwohl manche vom Leben in den reicheren Ländern Europas träumen, sind diese Hoffnungen und Träume überlagert vom täglichen Kämpfen ums Nötigste: stundenlanges Anstehen in der Essensschlange. Um eine bessere Unterkunft betteln. Zum wievielten Mal nach einem Arzt suchen, der ihre Beschwerden ernst nimmt.

Sie hängen hier auf der Insel fest zwischen einer unerträglichen Vergangenheit, die sie hinter sich gelassen haben, und einer sehr ungewissen Zukunft. Zurückzudenken treibt sie in den Wahnsinn, nach vorne zu denken ist unmöglich.

Was mich an Hagars Geschichte so berührt, ist, dass Gott als der «Engel des Herrn» gerade dieser Flüchtenden begegnet. Ich finde es zum Weinen ungeheuerlich, dass der Herr der Welt sich hier ausgerechnet einer Person offenbart, die in ihrer Gesellschaft eigentlich ein Niemand ist:

Eine Sklavin.

Eine Frau.

Eine Fremde.

Gott sieht Hagar, und sie bemerkt das mit ehrfürchtigem Staunen.

Und er spricht sie mit ihrem Namen an. Wie viel das allein ausmachen kann, erleben wir hier täglich: für die Behörden zählen nur die Registriernummern der Asylsuchenden; auf die Namen schaut kaum jemand. (Es ist zugegebenermaßen auch nicht ganz einfach, bei verschiedenen Schreibweisen arabischer oder afrikanischer Namen den Überblick zu behalten.) Umso mehr leuchtet das Gesicht eines jungen Mannes oder einer Mutter auf, wenn wir bei der Essens- oder Windelausgabe eben nicht die Nummer nennen, sondern den Namen. Und wenn wir möglichst noch versuchen, diesen Namen richtig auszusprechen – was oft genug zu Heiterkeit führt – tragen wir unseren kleinen Teil dazu bei, dass Menschen sich als Personen wahrgenommen und mit Würde behandelt fühlen.

Für Gott ist Hagar wichtig – und für die Leute, die zu Gott gehören, ganz offenbar auch: Bei der Begegnung Gottes mit Hagar war niemand sonst anwesend. Die bloße Tatsache, dass sich jemand hinterher die Mühe gemacht haben muss, die Erfahrungen dieser Un-Person anzuhören und weiterzugeben, und dass Hagars Geschichte in Gottes Wort überliefert ist, ist doch bemerkenswert! Natürlich geht es in den Kapiteln um diese Begegnung herum zuallererst um Abraham und Gottes Geschichte mit ihm und seinen Nachkommen. Aber Gott sieht auch diese Randfigur der Heilsgeschichte und sorgt sich um sie.

Hagars Geschichte ist aus der Perspektive des Volkes Gottes überliefert worden. Der auserwählte Sohn ist in dieser Perspektive ja eben nicht Hagars Sohn Ismael, sondern Isaak, der Sohn, der Abraham und Sara später doch noch geboren wird. Die Beziehung dieser beiden Nachkommen Abrahams ist bis heute alles andere als spannungsfrei – umso bemerkenswerter, dass ihre Gottesbegegnung überliefert wurde. Und sogar die Benennung, die diese ausländische Sklaven-Frau einem Ort gibt, «El Roi», wird von Gottes Volk auf Jahrhunderte so übernommen.

Und mehr noch: Gott hat Hagars Zukunft im Blick, und es ist eine Zukunft, die weit über das hinausgeht, was sie vermutlich auch nur zu träumen wagen würde. Er sieht nicht nur Hagar und den Sohn, den sie zur Welt bringen wird, sondern ein ganzes Volk, dessen Stammvater dieser Sohn, Ismael, sein wird. Gottes Versprechen für Hagar reicht bis in die heutige Zeit hinein!

Hagars Erfahrung mit Gott inspiriert mich immer wieder in meinem Umgang mit den verzweifelnden Gestrandeten hier am Rand Europas. Ich darf mir bewusst machen, dass Gott jeden einzelnen von ihnen sieht und ernst nimmt, und ich kann versuchen, ihnen genau das zu vermitteln: Du bist gesehen! Du hast einen Namen und ich versuche dich bei ihm anzusprechen! Du hast eine Zukunft bei Gott.

Wir beginnen im Camp selbst keine Glaubensgespräche und verteilen auch keine Bibeln, aber natürlich bekommen viele der Menschen, denen wir Zelte oder Windeln ausgeben, mit, dass die meisten ehrenamtlichen Helfer in unserer Hilfsorganisation Christen sind. Manche fragen danach, und in Laufweite gibt es mehrere christliche Teestuben, Bibelkreise und Initiativen, in denen sie mehr über Jesus erfahren können.

Und dann passiert es immer wieder, dass Menschen mit Jesus genau das finden: eine Perspektive, die weit über ihre Gegenwart hinausreicht, über ihre großen Träume und kleinen Hoffnungen hinaus. Sie beginnen ihr Leben mit Jesus und erfassen, dass sie ein ewiges Zuhause haben, aus dem sie nicht flüchten müssen und nicht vertrieben werden können. Dass sie eine Familie aus Brüdern und Schwestern, geistlichen Vätern und Müttern, Tanten, Onkels und Kindern haben, in der oft mehr Liebe erlebbar ist als unter ihrer Herkunftsfamilie. Dass sich Geborgenheit und Freude sogar in Dreck und Müll auf weniger als einem Quadratmeter Wohnfläche pro Person erleben lassen. «Weil ich Frieden im Herzen habe, kann ich jetzt sogar die Umstände im Camp ertragen», hat es ein iranischer junger Mann ausgedrückt, der gerade erst zum Glauben an Jesus gekommen war. Und weil ich das Strahlen in seinen Augen gesehen habe, glaube ich ihm das sogar.

Unser Gott ist ein Gott, der auch die Niemande sieht, beim Namen nennt und ihnen eine Zukunft gibt. Es ist ein großartiges Vorrecht, seine Botschafterin gerade hier zu sein.

Andrea Wegener, September 2019; Auszug aus: Mein Vers fürs Leben, Hrsg. Steffi Baltes, Francke Verlag

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