Die Kirche und ihr Sex-Problem: Die Regenbogen-Revolution, der Synodale Weg und das bigger picture

 

Mann spiegelt sich im Fenster

Wo ist sie, die neue Sexualmoral der Kirche, die Pornografie und Leihmutterschaft die Stirn bietet? Es ist Zeit für eine Offensive, die den umfassenden Schutz menschlichen Lebens vom fünften Gebot her bedenkt, meint Bernhard Meuser.

„Catholic Chaplaincy for the Rainbow Reich.“ Diese Headline verdient die Katholische Kirche in Deutschland nach Auffassung von R.R.Reno und dem amerikanischen Portal „First Things“.

In amerikanischen Ohren ruft „Reich“ eine dreifache Konnotation hervor: Reich = beherrschtes Territorium, Reich = Naziterror, Reich = Wilhelm Reich, einer der theoretischen Väter der Sexuellen Revolution. Die amerikanischen Hippies waren es, die den seltsamen Propheten der genitalen Befreiung wieder aus den Grüften der Geistesgeschichte hervorholten, woraufhin ihn die Internationale Linke als „bahnbrechend“ erkannte.

Nun muss man „First Things“ wahrhaftig nicht in allem zustimmen. Man tut gut daran, immer die Mitte der Gerechtigkeit walten lassen. Bei aller Verwunderung darüber, dass die Katholische Kirche und ihre Hirten scheinbar kein anderes und gewichtigeres Thema mehr haben als Homosexualität, sollte man sehr vorsichtig sein mit der Rede über homosexuelle Menschen. Gerade die episkopalen Vorreiter der Diversität sollten maßvoll sein, sonst rufen sie genau die Homophobie hervor, die sie vermeiden wollen. Schon machen sich die ersten lustig über die „rosarote Revolution“ in den Reihen der „Soutanenträger“. Man habe es ja immer schon gewusst.

Gegen Diskriminierung und Ausgrenzung

Die Kirche muss mit Entschiedenheit das Ziel verfolgen, ihr Verhältnis zu homosexuellen Menschen auf eine gute Grundlage zu stellen. Allzu oft in der Geschichte hat sich das Spießertum zur Bestätigung seiner eigenen Wohlanständigkeit an ihrer Ausgrenzung beteiligt. „Es ist schmerzlich, festzustellen“, bemerkte einmal der Psychiater und Psychotherapeut Manfred Lütz, „dass auch manche Christen sich an solchen Kampagnen beteiligten oder derartige Haltungen an den Tag legten. Das schuf den Nährboden für jene menschenverachtende Ideologie, die im Schatten der Ressentiments Krematorien baute.“

Die Kirche wird nicht vergessen, dass auch sie eine Schuldgeschichte hat; und sie hat einiges aufzuarbeiten in Hinsicht auf die Diskriminierung und Ausgrenzung homosexueller Menschen, die immer nur unter dem Aspekt sexueller Sünde in den Blick kamen; sie sind aber (wie übrigens jeder Christ) vor, nach und während der Sünde erst einmal Gottes geliebte Kinder. Homosexuelle – auch homosexuelle Priester – müssen in der Kirche gut leben können; sie haben ein Recht darauf, Wertschätzung zu erfahren, und sie haben es, immer unter der Voraussetzung, dass sie kein Doppelleben führen, nicht nötig, sich zu verstecken.

Der Hype um Diversität 

Dennoch darf man sich wundern, welchen Raum das Thema gerade in der katholischen Kirche einnimmt – als gäbe es im weiten Feld von Liebe, Leben und Sexualität kein dringenderes Anliegen, als sich dem generellen Hype um Diversität anzuschließen. Die Rede der Kirche wäre glaubwürdiger, würde man sich mit der gleichen Intensität dem Schutz der Familie annehmen. Scheinbar haben die Sexualmoralisten auf dem Synodalen Weg noch nichts von der ideologischen Dekonstruktion der klassischen Familie gehört, dem Entzug ihrer ökonomischen und rechtlichen Grundlagen, – nichts von der Zerstörung dieser Keimzelle der Gesellschaft, nichts von der Notwendigkeit, diesen natürlichen Schutzraum von Kindern vor Missbrauch mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Wo ist sie – die „neue Sexualmoral“, die für das Leitbild der natürlichen Familie in die Offensive geht? Wo ist sie, die Kirche, die dafür kämpft?

Und wie kann die Kirche den Mund aufmachen und von Sexualmoral tönen, wo gerade starke politische Kräfte Abtreibung als Methode der Verhütung und als Menschenrecht etablieren? In Deutschland wird jedes vierte Kind im Mutterleib getötet. Trisomie-21-Kinder sind aus der Öffentlichkeit verschwunden, weil sie in 90 % der Fälle vor der Geburt umgebracht werden. Und da ist auch noch eine neue Regierung, die Dinge ausbrütet, bei denen Christen die kalten Schauder über den Rücken laufen müsste. Wo ist sie – die „neue Sexualmoral“, die endlich den systemischen Zusammenhang zwischen Sexualverhalten und Lebensschutz thematisiert, die zum Widerstand ermutigt, den umfassenden Schutz menschlichen Lebens auf seine Fahnen schreibt und beispielsweise vor- und außereheliche Beziehungen vom Fünften Gebot her bedenkt?

Und darf man fragen, ob man auf dem Synodalen Weg noch nichts von Pornographie gehört hat; sie ist zu einem Milliardengeschäft geworden, das dem internationalen Drogenhandel gerade den Rang abläuft. Schon 10- und 11-jährige Kinder werden in visuelle Prostitution eingeweiht, zu Suchtkunden abgerichtet und verwahrlosen dabei seelisch.

Inkonsequente Moral und was sonst noch übersehen wird

Wo ist sie – die „neue Sexualmoral“, die der Pest des 21. Jahrhunderts die Stirn bietet? Und haben die Vordenker der neuen Sexualmoral schon wahrgenommen, was gerade in den Laboren passiert? Im 19. Und 20. Jahrhundert ging der Kampf um die Produktionsmittel; heute geht der Kampf um die Reproduktionsmittel. Leihmutterschaft und eine immer skrupellosere Fortpflanzungs-Industrie machen die Geburt eines (passend designten) Kindes zu einem Geschäft oder einem technischen Akt. Wo ist sie – die „neue Sexualmoral“, die das Geschenk des Lebens vor dem Zugriff von Macht und Markt schützt?

Nun also Homosexualität. Mich irritiert weniger das Anliegen, als die pauschale neukirchliche Rede von Homosexualität. Wer sich wirklich mit Sexualwissenschaft befasst, wird bald feststellen, dass es „die Homosexualität“ so wenig gibt wie „die Heterosexualität“ – als seien das einfach nur zwei gleichwertige Optionen im großen Schöpfungsgarten Gottes. Biologisch gesehen gibt es nur Männer und Frauen und ein zweifaches Ringen aller Menschen: a) um die vielfach gefährdete persönliche Identität und Kongruenz mit dem eigenen Geschlechtsleib, b) um Integrität angesichts der Anarchie der Begierden (in herkömmlicher theologischer Sprache: die Gefährdung des Humanen durch Konkupiszenz), wobei der ursprüngliche, „natürliche“ Sinn von Sexualität ( … dass die Menschheit nicht ausstirbt … dass Mannsein nach Väterlichkeit, und Frausein nach Mütterlichkeit ruft) nicht unterschlagen werden darf.

Es gibt sie tatsächlich, die treue gleichgeschlechtliche Beziehung, die gewiss ein ethischer Wert ist, wenn auch das ständige Insistieren auf den Unterschied zwischen sexueller und sozialer Treue zu denken gibt und das lebenslang treue gleichgeschlechtliche Paar allen einschlägigen Studien zufolge scheinbar recht selten zu finden ist. Dafür haben wir es häufig mit extremen Formen von gewollter oder süchtiger Promiskuität zu tun (Grindr, Chemsex Parties in Großstädten, anonyme Befriedigung auf Autobahnparkplätzen und in darkrooms).

Es kommt hinzu, dass es rein statistisch gesehen wahrscheinlich doppelt so viele Menschen mit bisexuellen Neigungen wie rein homosexuellen Neigungen gibt. Gern übersehen wird zudem die Tatsache, dass es immer mehr Menschen mit homosexueller Neigung gibt, die es als das größte Glück ihres Lebens bezeichnen, gewissen tödlichen Lebensstilen entronnen zu sein – Menschen, die im Vertrauen auf die Heilige Schrift und die Gnade Gottes heute enthaltsam leben. Die Zeugnisse liegen vor, im Internet, in Buchform (in nenne nur Dan Mattson, David Bennett, Teresa Frei).

Aus diesen Zeugnissen habe ich mehr gelernt, als aus den unausgegorenen Papieren des Synodalen Weges, die mit dem hybriden Anspruch auftreten, eine neue Sexualmoral grundzulegen. Sie wird – boxt man sie denn durch – weltkirchlich keine Anerkennung finden.

Wer sich wundert, warum afrikanische Kirchenführer mit äußerster Empörung auf alle Versuche einer moraltheologischen Habilitierung von Homosexualität reagieren, sollte ihnen weniger Homophobie als ein gutes Gedächtnis an die vor vierzig Jahren ausgebrochene HIV-Pandemie attestieren. Es sind nicht nur die auslösenden Männer, die daran gestorben sind, – Millionen von Aidswaisen und infizierten Frauen, zerbrochene Familien- und Dorfstrukturen, haben sich tief in das kollektive Bewusstsein eines ganzen Kontinents eingegraben, zumal die kondombasierte Moral und die „Gottesgabe der Autonomie“ durchaus nicht als Geschenk der Aufklärung an unterbelichtete Völker, denn als Import westlicher Dekadenz und Giftmüll von Kolonialismus gesehen werden. 

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