Hanna Zack Miley: Ein Abschied für immer

Zuggleise


Hanna Zack Miley wurde am 24. Juli 1939 mit dem Kindertransport nach England gebracht. Ihre Eltern haben den Nationalsozialismus nicht überlebt. Sie hat ihre Geschichte über den Holocaust und ihren langen Weg zu Vergebung und Heilung in «Meine Krone in der Asche» aufgeschrieben. Ein Ausschnitt.

Wie hat mein Vater es geschafft?

Ich habe keine Ahnung, wie mein Vater für mich die unbezahlbare Erlaubnis erlangte, mit dem Kindertransport nach England zu reisen. Musste er dazu beängstigende, erniedrigende Begegnungen mit Nazi-Beamten über sich ergehen lassen? Oder waren es die heroischen Rettungsbemühungen Erich Klibanskys, des Leiters der Jawne-Schule, die mir meinen Platz in dem Zug sicherten? Zwischen Januar und Juli 1939 konnten ungefähr 130 Kinder, die mit der Jawne-Schule verbunden waren, mit dem Zug nach England entkommen.

Um die Rettung seiner Schüler im Teenageralter zu finanzieren, lud der Schulleiter Eltern von Kindern, die noch zu jung für die Jawne waren, ein, ihre Kinder mit dem Kindertransport nach England zu schicken. Die Kinder mussten mindestens sechs Jahre alt sein, und für den Platz mussten die Eltern bezahlen. «Denn für jeden bezahlten Platz konnte die Jawne einen Platz umsonst bekommen.» Ich war sieben Jahre alt. Hatte mein Vater mir einen Platz gekauft? 

Erich Klibansky arbeitete eng mit den Organisatoren des Kindertransports zusammen. Eine Reproduktion des Anhängeschildes, das jedes Kind trug, das mit der Jawne-Gruppe reiste, ist auf Seite 178 des Buches Die Jawne zu Köln wiedergegeben, das der Historiker Dieter Corbach zum Gedenken an Erich Klibansky und die Schule schrieb.46 Genau so ein rundes weißes Schild trug ich auf dem ganzen Weg nach England. Es zeigte meine Nummer, 8814, und die Worte «Kindertransport des Hilfsvereins der Juden in Deutschland e.V.», die sich um einen gedruckten Kreis in der Mitte des Schildes bogen. Das Schild hatten mir meine Eltern auf dem Kölner Hauptbahnhof um den Hals gehängt. Auf alten Bildern von Kindern des Kindertransports bei der Ankunft in England habe ich gesehen, dass sie einfache, rechteckige braune Pappschilder um den Hals trugen, auf denen außer einer hand- geschriebenen Nummer nichts zu sehen war. Könnte es sein, dass das aufwendiger gestaltete Schild aus Die Jawne zu Köln einen weiteren Hinweis auf die Umstände meines Entkommens am 24. Juli 1939 gibt?

Erich Klibansky, seine Frau Meta und ihre drei Söhne – Hans Raffael (14), Alexander (11) und Michael (7) – sind nicht entronnen. Sie verließen Köln am 20. Juli 1942 mit einem Zug, der 1160 Juden transportierte; 315 davon waren Kinder. Ihr Bestimmungsort, so glaubten sie zumindest, war das Getto Theresienstadt. Doch während sie nach Osten fuhren, hoben bereits Angehörige der Einsatzgruppe B in einem Wald zwanzig Kilometer vor Minsk, der Hauptstadt des von den Deutschen besetzten Weißrussland, riesige Gruben aus. Der Zug wurde umgeleitet. Am frühen Morgen des 24. Juli 1942 holte man alle 1160 aus dem Zug, und sie mussten sich im Wald am Rand der Gruben aufstellen. Dort wurden sie erschossen.

Hastige Vorbereitungen

Von den hektischen Einkäufen und den offenen Koffern, die in den Zimmern am Horst-Wessel-Platz 14 im ersten Stock darauf warteten, die Stapel säuberlich gefalteter Kleidungsstücke aufzunehmen, habe ich nichts in Erinnerung behalten. Den Brief, den meine Tante Johanna am 2. August 1939 an die unbekannte englische Familie schickte, die mich aufnehmen würde, habe ich aber noch. Darin bedankt sie sich bei ihnen dafür, dass sie mir ihr Zuhause öffneten, und erwähnte auch die fieberhafte Hektik der letzten Tage in Köln vor dem Abschied. Warum gibt es keinen Brief von meiner Mutter? Meine Tante Johanna war eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Hatte man ihr deshalb die Korrespondenz übertragen? War meine Mutti in ihrer Trauer dazu nicht imstande?

1.Teil des Briefes der Tante, ©Hanna Zack Miley

Auseinandergerissen

Es ist der Abend des 24. Juli 1939. Meine Eltern schließen unsere Wohnungstür im ersten Stock des Hauses am Horst-Wessel-Platz 14 ab. Zu dritt betreten wir den Aufzug, drücken die Taste für das Erdgeschoss, öffnen die Haustür, treten hinaus auf die Straße und machen uns auf den Weg zum Treffpunkt am Hauptbahnhof. Mir ist nicht bewusst, dass jeder Schritt, den wir gehen, uns unserem Abschied für immer näher bringt. Sind meine Eltern stumm in ihrer bitteren Qual? Oder schlucken sie ihren eigenen Schmerz herunter und muntern mich auf, indem sie von der aufregenden Reise reden, die vor mir liegt?

Auszug aus «Meine Krone in der Asche» von Hanna Zack Miley (S.66–68)

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