Meine persönliche Reise der Wiederherstellung

«Wollt ihr denn keine Kinder haben?» Thomas Bänziger, Teil des Leitungsteams der Stiftung Schleife, wurde von den Ärzten als zeugungsunfähig erklärt. Doch Gottes Pläne sahen anders aus. Ein Auszug aus dem Buch «Wiederherstellung» von Thomas Bänziger.

«Nein, Sie bleiben hier im Spital, Sie dürfen nicht gehen», die tiefblauen Augen des Arztes im Traum blickten mich durchbohrend an. «Doch heute findet das Examen statt, ich muss bei der Prüfung sein», erwiderte ich. Ich verstand diese Konversation erst später. Im Sommer 2002 befand ich mich kurz vor den Schlussprüfungen des Theologiestudiums. Gleichzeitig planten Katharina und ich unsere Hochzeit. Alles würde zeitlich aufgehen, vor der Heirat die schriftlichen Prüfungen in Basel, ein paar Wochen danach das mündliche Examen in Zürich.

Drei Wochen vor unserer Hochzeit stellte ich unter der Dusche eine Abnormität an meinem Hoden fest. Unser Biologielehrer hatte uns am Gymnasium vor dem häufigsten Krebs junger Männer gewarnt und als ich damals – zufälligerweise – einen Arzt fragte, wie dieser Tumor denn feststellbar sei, informierte er mich über die Symptome. Und was ich hier unter der Dusche ertastete, war irgendwie besorgniserregend. Der Hausarzt bestätigte meine Befürchtung: «Verdacht auf Hodentumor». Es war nicht nur der Inhalt der Aussage, die mich traf. «Es sind die Augen aus dem Traum», durchzuckte es mich, als mir der Arzt in die Augen schaute. Und tatsächlich: Ich wurde am 1. Juli 2002 operiert, dem ersten Tag der schriftlichen Schlussprüfungen. Ich konnte nicht hinfahren, sondern musste in der Klinik bleiben. Die Sätze aus der Traumsequenz einige Monate zuvor bewahrheiteten sich.

Gottes Nähe in der Ungewissheit

Alles war plötzlich unklar: Würden in meinem Körper bereits Metastasen gefunden werden? Würde ich überleben und falls ja: Würde ich jemals Kinder zeugen können? Eine Woche vor unserer Hochzeit kamen die Ergebnisse: Der Tumor konnte operativ entfernt werden, es gab keine Ableger! Die Erleichterung war natürlich gross, ich würde sicher überleben. Ich glaube, ich muss nicht beschreiben, dass unsere Hochzeit nach dem mir ganz neu geschenkten Leben zu einem besonderen Fest wurde.

Die Prüfungen konnte ich übrigens nachholen. Doch eine Bestrahlung des Bauchbereiches war aufgrund des Operationsbefundes damals noch üblich. So unterzog ich mich frisch verheiratet und auf die Prüfungen lernend diesem täglichen Prozedere. Als ich nach der ersten Behandlung mit an eine indianische Kriegsbemalung anmutenden Markierungen auf dem Bauch nach Hause kam, war meine Frau schockiert: Wochen zuvor – vor meiner Erkrankung – hatte sie von meinem genau in dieser Weise (mit rotem wasserfesten Filzstift) bemalten Bauch geträumt, konnte sich aber keinen Reim drauf machen …

Auch wenn es sich durch die Diagnose der plötzlichen und heimtückischen Krankheit anfühlte, als würde uns der Boden unter den Füssen weggezogen, waren wir uns in allem stets der Nähe Gottes gewiss. Die Auswirkung der Gebete unserer Familien und Freunde war teilweise beinahe physisch spürbar. Gottes Hand war in allem drin. Von der Bestrahlung geschwächt trat ich meine Vikariatszeit in der Thomaskirche, einer Basler Landeskirche, an. Bei der ersten Kurswoche meinte der Leiter des gesamten Vikariatskurses: «Thomas, deine Krankheitszeit wird eines Tages zu einem Kapital in deinem Leben werden.»

Diese Perspektive einzuüben versuchte ich durch alles hindurch. Bisher war mein Leben ziemlich gradlinig verlaufen. In einer Nacht, als mich das Unverständnis über den gesundheitlichen Einbruch übermannte, erzählte mir meine Frau die Geschichte von dem Sandkorn, das in die Muschel eindrang. So sehr sich die Muschel dagegen wehrte, es entstand daraus eine kostbare Perle. Rückblickend kann ich in diesen für mich herausfordernden Abschnitten die Perlen erkennen. Im März 2005 traten meine Frau und ich gemeinsam eine Pfarrstelle in der Thurgauer Landeskirche an.

Wir zogen in ein grosses Pfarrhaus ein und freuten uns, hier Platz für eine eigene Familie zu finden. Die Schatten der Krankheitszeit hatten sich zwar aus meiner Seele allmählich verzogen, doch es wunderte mich, dass meine Frau auch nach einigen Monaten nicht schwanger geworden war. Kurz vor dem Umzug trafen wir in Israel auf eine Frau, die, wie sie sagte, ein prophetisches Wort für uns hatte. «Du kannst keine Kinder haben, doch Gott macht etwas und ich sehe diesen Samuel», erläuterte sie mir auf Hebräisch. Ich konnte das Wort nicht annehmen. Der Arzt in Basel hatte mich doch für gesund und zeugungsfähig erklärt …

Aussage gegen Aussage

Frisch im Pfarramt, einige Monate nach der Begebenheit in Israel, wurden wir von der Stiftung Schleife zusammen mit anderen Pfarrpersonen auf eine Reise zu den Mennoniten in die USA eingeladen. Es war eine Folgeveranstaltung der Täuferkonferenz im Jahr 2003, wo die Schleife die Versöhnung zwischen den Landeskirchen in der Schweiz und den Amischen und Mennoniten in den USA, die viele schweizerische, deutsche oder österreichische Vorfahren hatten, thematisierte. Durch meine Beschäftigung mit der Täufergeschichte während des Studiums waren wir in diese Sache quasi «reingerutscht».

Auf jeden Fall trafen wir kurz nach der Ankunft in Lancaster auf einen jungen Mann. Er hatte ein Wort für uns und meinte, Gott hätte ihm gezeigt, dass wir keine Kinder haben könnten, er uns aber trotzdem Kinder schenken wird. Später spezifizierte er, wir hätten zwar zehn Monate gewartet, es würden aber keine elf werden. Sprich: Im nächsten Monat würde Katharina schwanger sein. Was für eine Zusage! Ich war erst skeptisch, wurde dann aber hellhörig und kontaktierte kurz nach der Reise meinen Urologen in Basel. Ich fragte ihn nach den Werten des letzten Spermiogramms, die ich nie erhalten hatte.

«Ich kann nicht reden», meinte er am Telefon, «ich habe einen Patienten bei mir. Rufen Sie in einer Stunde an.» Es war eine der bangsten Stunden meines Lebens. Ich wusste, dass seine Auskunft nichts Gutes bedeutete. Tatsächlich bekam ich kurze Zeit später zu hören, mein Spermiogramm sei so schlecht gewesen, dass ich auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen könne. «Wenden Sie sich an das andrologische Labor, die können Ihnen noch helfen», sagte er aufmunternd, «aber verschwenden Sie keine Zeit auf natürlichem Weg.»

Für uns stand nun Aussage gegen Aussage. Auf der einen Seite die medizinische Diagnose, auf der anderen die beiden Worte, die wir auf zwei Kontinenten erhalten hatten, ohne überhaupt über meine Unfruchtbarkeit im Bild zu sein. Am selben Abend, als ich den Bescheid bekam, waren wir im Dienstag-Gottesdienst der Stiftung Schleife zu Besuch. Den Arztbericht legten wir zusammen mit einer Seelsorgerin symbolisch in die Hand Gottes. Wir baten um einen «Tausch am Kreuz»: seine Worte gegen die natürliche, menschliche Perspektive.

Ein grosses kleines Wunder

Ich kann heute relativ unbeschwert und dankbar über diese Geschehnisse schreiben, damals trafen sie uns existenziell. Fragen der Leute wie: «Wollt ihr denn keine Kinder haben?», trafen uns in diesen Jahren sehr. Wir lebten nach dem Bericht aus Basel in einem Wechselbad der Gefühle, doch wir entschieden uns in allem drin, Gott zu glauben. Der Rest ist schnell erzählt: Katharina war tatsächlich im nächsten Monat schwanger. «Kleine Wunder geschehen häufiger, grössere seltener», meinte der neue Urologe, der meine Nachkontrollen machte, etwas lakonisch zu unserer Geschichte. Für uns war es ein grosses Wunder! Unser Samuel kam auf die Welt. Zwar hatte meine Frau während der Schwangerschaft besorgniserregend hohe Toxoplasmose-Werte und auch die Geburt war dramatisch, die Ärzte fürchteten schon um das Leben unseres Kleinen. Doch in allem drin wussten wir: Gott wird diesen «Samuel», diesen «Erbetenen», gesund auf die Welt bringen.

Heute sind wir glücklich, (ohne Hilfe des andrologischen Labors!) trotz meiner Hodenkrebsgeschichte vier Kinder zu haben – für uns ist das ein eindrückliches Beispiel von Wiederherstellung! Auf Fragen, wie sie mich in der damaligen Zeit bewegten, werden wir auch in der Beschäftigung mit Esra-Nehemia stossen: Vertraue ich auf Gottes Wort, auf seine Zusagen? Glaube ich, dass Gott auch heute noch zu uns spricht? Wie gehe ich mit Herausforderungen um?

(aus: Wiederherstellung. 12 Lektionen aus Esra-Nehemia zu Erweckung und Reformation, S.15–19)

Familie Bänziger Grand Tour (c) Thomas Bänziger

Familie Bänziger 2018: 14 Jahre nach der Diagnose «unfruchtbar!»

Das könnte dich auch interessieren

Christliches Online-Dating: Auf diese 3 Red Flags solltest du besonders achten

  Je mehr sich Iris Kloos christlichen Online-Dating-Plattformen widmete, desto bewusster wurde ...
Weiterlesen

Die Sprache und der Krieg und der Krieg um die Sprache

  Gendern ist nicht auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau aus, sondern auf die Abschaffu...
Weiterlesen

Aus dem Leben eines erfolgreichen Jugendbuchautors

Rebecca Krämer spricht mit Carlo Meier, einem der erfolgreichsten Jugendkrimiautoren im deutschs...
Weiterlesen